Auch Nerds können Arschlöcher sein: The Social Network Review
Veröffentlicht von omahabitch um 23:38 Uhr in Reviews | 1 Kommentar

„Du kannst keine 500 Millionen Freunde haben ohne dir ein paar Feinde zu machen“. Selten hat die Tagline eines Kinoplakats den Inhalt eines Films derart treffend und prägnant zugespitzt wie im Fall von The Social Network (IMDb). In Zeiten, in denen die Filmstudios in der Hoffnung des schnellen und einfachen Dollars auf Verfilmungen von weltbekannten Schlagworten wie Monopoly und Schiffe versenken setzen, sorgte die Meldung eines Facebook-Films vor einigen Monaten noch für Kopfschütteln und Gelächter, doch spätestens als David Fincher (Fight Club, Sieben, Der seltsame Fall des Benjamin Button) als Regisseur feststand wurde die ganze Sache plötzlich interessant. Die anfängliche Skepsis stellt sich nun nach dem Start des Films auch als völlig unbegründet heraus, denn in The Social Network geht es nicht um Facebook an sich, sondern um den Menschen dahinter.
Mark Zuckerberg. Facebook Erfinder und jüngster Milliardär der Welt, wird im Film von Jesse Eisenberg verkörpert, der eigentlich auf die Rolle des sympathischen und unsicheren Nerds abonniert ist. In The Social Network bricht er zumindest mit dem Etikett des Sympathieträgers, denn Zuckerberg wird zwar als unsicherer Nerd präsentiert, sympathisch ist er aber mit Sicherheit nicht. Zuckerberg ist ein egozentrisches, unfreundliches Arschloch. Ein nerdiges Computergenie ohne jegliche soziale Intelligenz und Freunde. Dabei sind gerade soziale Kontakte und Anerkennung sein größtes Ziel, dessen Erreichung aber sein arroganter Charakter im Wege steht. Deutlich wird das bereits in der Eröffnungsszene, als seine Freundin ihm völlig zurecht den Laufpass gibt.
Und ausgerechnet dieser asoziale Einzelgänger schafft es, aus der Idee des größten sozialen Netzwerks der Welt ein milliardenschweres Unternehmen zu gründen. Es ist diese Ironie, die Zuckerbergs Geschichte so interessant macht. Dazu kommt das starke Drehbuch von Aaron Sorkin das die Charakterstudie eines Egomanen in Verbindung mit den stilsicheren Bildern David Finchers trotz aller Dialoglastigkeit zu einem packenden Kinofilm macht.
So unsympathisch Zuckerberg im Film auch rüberkommen mag, irgendwie hat man als Zuschauer doch zumindest Verständnis für sein Verlangen nach Anerkennung und Erfolg und hat Respekt vor seiner antimateriellen Einstellung. Zuckerberg geht es nicht darum reich und berühmt zu werden wie seine Vorgänger Bill Gates und Steve Jobs, ihn treibt nur der Ehrgeiz von der elitären Elitegesellschaft Harvards anerkannt und bewundert zu werden. Obwohl er diese eigentlich verachtet und sich ihr intellektuell überlegen fühlt wünscht er sich insgeheim nichts mehr, als endlich dazuzugehören. Eisenberg gibt hier die beste Leistung seiner noch jungen Karriere und man nimmt ihm ab, dass er die Menschen um sich herum nicht absichtlich verletzt sondern emotional lediglich nicht dazu in der Lage ist sie zu verstehen und zu respektieren. Ein Arschloch wider Willen sozusagen.
Machen wir uns nichts vor: Um mit Anfang 20 zu einem der reichsten Männer der Welt zu werden muss man zumindest teilweise ein Arschloch sein und man macht sich zwangsläufig (und damit wären wir wieder bei der Tagline) Feinde. Während Filme mit ähnlichem Thema normalerweise das dramatische Potential des Sympathieträgers nutzen, dessen Charakter durch Geld, Erfolg und Macht ruiniert wird bringt Zuckerberg die Eigenschaften des „fertigen“ Erfolgsmenschen bereits von Haus aus mit, und so beschäftigt sich The Social Network eher mit der unschmeichelhaften Analyse seines Charakters als mit der Beschreibung des moralischen Zerfalls.
In unserer heutigen Gesellschaft, die durch eigentlich simple Erfindungen wie Napster und Facebook tiefgreifend verändert wird, sind Programmierer und Visionäre die modernen Rockstars und The Social Network stellt sie nicht auf ein Podest sondern zeichnet ein schonungsloses Bild dieser „zufälligen Milliardäre“ (Accidental Billionaires lautet auch der Titel des Buchs auf dem der Film basiert). Besonders deutlich wird das an der Rolle Sean Parkers (Justin Timberlake), Napster Erfinder und größenwahninniger Egomane, der den unglaublichen Erfolg offensichtlich nicht ganz unbeschadet überstanden hat und als eine Art Vorbild und Mentor für Zuckerberg fungiert.
Dass Zuckerberg hier eben gerade keine Katharsis durchmacht, sich sein Charakter durch den Erfolg eben nicht positiv oder negativ entwickelt sondern lediglich verstärkt wird und selbst die Opferung seines besten Freundes Saverin (Andrew Garfield, der neue Spiderman) deshalb keinesfalls überraschend sein dürfte, stört hier nicht weiter weil mit der Charakterisierung Zuckerbergs schon von vorneherein klar ist, dass die Titanic hier Kurs auf Eisberge nimmt.
Es sind Sorkins Dialoge und Finchers Regie, die das durch Gerichtsszenen und Rückblenden erzählte Drama trotz fehlender Überraschungen zu einer packenden und absolut sehenswerten Charakterstudie machen. Zwar hält sich Fincher diesmal sehr zurück was ausgefallene Motive und Kamerafahrten angeht, und schafft den Suspense lediglich aus dem Rhythmus der Dialoge, dennoch ist hier jede einzelne Kameraeinstellung perfekt eingefangen, jede Szene auf den Punkt genau geschnitten, optisch langt Fincher dann zumindest in einer zum treibenden und genialen Score von Nine Inch Nails Mastermind Trent Raznor geschnittenen Montage während eines Ruderrennens noch einmal richtig zu.
Dennoch verwundert es etwas, dass dieser Film zumindest in den USA derart erfolgreich lief, denn so interessant die Geschichte auch ist, sie ist ebenso wenig spektakulär wie ihre Umsetzung, aber genau das macht The Social Network sehenswert.
8/10
Deutscher Trailer




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