
Südafrika gilt unter Europäern heute weithin als Urlaubsparadies, dessen blutige Apartheitsgeschichte spätestens seit Nelson Mandela weit weg scheint. Dass das Land noch immer mit den Auswirkungen der jahrzehntelangen Rassentrennung zu kämpfen hat, vergisst oder verschweigt man dabei gerne, indem man die unzähligen Ghettos und Townships, in denen ein großer Teil der schwarzen Bevölkerung noch heute lebt, einfach ignoriert. Der südafrikanische Werbefilmer Neill Blomkamp, der schon mit einem international bekannten Citroen Werbespot seiner Science Fiction Affinität Ausdruck verlieh, verarbeitete die Missstände in seinem Heimatland vor einigen Jahren mit dem Kurzfilm Alive In Joburg. In Form einer Mockumentary wird statt der schwarzen Bevölkerung eine außerirdische Rasse Opfer der Apartheit. Die intelligente Kombination von Science Fiction und Sozialkritik brachte ihm nicht nur ein Engagement als Regisseur der Computerspielverfilmung Halo ein, sondern erregte auch die Aufmerksamkeit keines geringeren als des Erfolgsregisseurs und -produzenten Peter Jackson. Während aus der Sache mit Halo abgesehen von einem durchaus beeindruckenden Promospot leider nichts wurde, und Blomkamp seine Rückkehr zu dem Projekt mittlerweile kategorisch ausschließt, entstand aus der Zusammenarbeit mit Peter Jackson nun District 9, eine abendfüllende Adaption seines Kurzfilms.
Johannesburg in einer nahen Zukunft: Die Rassentrennung zwischen Weißen und Schwarzen Südafrikanern ist vollständig überwunden, stattdessen werden die Ghettos nun von einer außerirdischen Rasse bewohnt, die vor 20 Jahren mit ihrem Mutterschiff über der Stadt Halt machte. Zur Aufrechterhaltung des status quo wurde die privatisierte Behörde Multinational Unit (MNU) ins Leben gerufen, die mit militärischer Gewalt für Ruhe in den Ghettos der von den Menschen wegen ihres Aussehens abschätzend als “prawns” (Garnelen) bezeichneten Ausserirdischen sorgen soll.
Da sich die Menschen von den prawns dennoch bedroht und belästigt fühlen, sollen die Ghettos in einer großangelegten Aktion gesäubert und deren Bewohner weit abseits der Städte in Konzentrationslager umgesiedelt werden. Verantwortlich für den sauberen Ablauf dieses Unterfangens ist Wikus Van Der Merwe (Sharlto Copley), ein eher einfältiger Trottel, der seinen Job lediglich seinem Schwiegervater verdankt. Als Wikus in Ausübung seiner Pflichten in Kontakt mit einer außerirdischen Substanz gerät, und sich seine DNA mit der der prawns mischt, wird er plötzlich selbst zum Ziel der MNU, die in ihm die Chance sieht, die Waffen der Ausserirdischen nutzen und kopieren zu können. Gejagt von einer überaus brutalen Spezialeinheit flieht Wikus schließlich selbst in das Ghetto District 9.
Wie schon Alive In Joburg beginnt auch District 9 als Mockumentary. Ein Kamerateam begleitet Wikus und die MNU Soldaten auf ihrer Tour durch District 9, immer wieder unterbrochen durch Intervieweinschübe, die die Hintergrundgeschichte näher beleuchten. In diesen Szenen ist District 9 eine clevere Allegorie auf die Apartheit im Speziellen, und rassistische Terrorregime im Allgemeinen. Wie in jeder Diktatur wird versucht, dem Terror eine rechtliche Legitimation zu geben, in dem die Ausserirdischen wie schon die Juden im Dritten Reich kurz vor dem Abtransport Verfügungen zugestellt bekommen, die Handlanger dieses Regimes sind wie Wikus völlig normale Menschen, Räder im System, die mit der Sorgfältigkeit und Gründlichkeit eines Beamten “nur” ihren Job machen. Wikus betrachtet die prawns wie die meisten anderen Menschen nicht als Lebewesen, sondern als rechtlose Objekte, als die er die unwillkommen Besucher studiert und deren Sprache gelernt hat.
Wäre District 9 ein Hollywoodfilm, könnte man den Rest des Films und vor allem die Entwicklung Wickus zum geläuterten Freiheitskämpfer für die unterdrückte Spezies schnell absehen. Interessanterweise geht Blomkamp diesen Schritt nicht. Selbst als Wickus zum Gejagten wird, und in ihm durchaus so etwas wie moralische Bedenken aufkommen, überschreitet er nie die Grenze zum Helden, seine Motive für die notgedrungene Verbrüderung mit den prawns bleiben immer hauptsächlich egoistisch aber eben auch nachvollziehbar. Kein strahlender Held, der selbstlos den Kampf der Schwachen gegen den übermächtigen Gegner führt. Das macht seinen Charakter zwar nicht wirklich sympathisch, aber sehr realistisch und ermöglicht dem Zuschauer dadurch dennoch die Identifikation mit Wickus. Insgesamt ist District 9 in seinen besten Momenten ein intelligenter, und vor allem überaus origineller Science Fiction Film, der mit seinem neuen Ansatz und dem ungewöhnlichen Protagonisten das Zeug zu einem zeitlosen Genreklassiker hätte.
Da ist es fast ein bisschen ärgerlich, dass Blomkamp nach den ersten, sehr ambitionierten zwei Dritteln des Films jeglichen inhaltlichen Anspruch fallen und es von hier an nur noch krachen lässt. Denn die letzte halbe Stunde von District 9 ist reines Bombastkino mit schneller und lauter Action, zerplatzenden Körpern, Kopfschüssen und einer ganzen Menge Explosionen. Zumindest sind diese Sequenzen handwerklich extrem gut gemacht, vor allem das für einen Film von diesem Ausmaß fast schon lächerliche Budget von 30 Millionen Dollar scheint weder Blomkamps Kreativität noch dem adrenalingeladenen Krawall auf der Leinwand Grenzen gesetzt zu haben. Die Feuergefechte mit den MNU Soldaten sind packend inszeniert, vor allem eine kurze aber beeindruckende Egoshootersequenz sticht hier heraus. Und wenn Blomkamp Wikus am Ende in einem Roboteranzug auf die Soldatenschergen hetzt, fragt man sich fast wer nochmal dieser Michael Bay war.
Auch wenn Blomkamp mit diesem Teil des Films sein außergewöhnliches Talent als Science Fiction und Actionregisseur zeigt, wirkt der plötzliche Richtungswechsel doch ein bisschen als Bruch im gesamten Film. Dem kommerziellen Erfolg hat das natürlich nicht geschadet, und immerhin ist es erfreulich dass ein über weite Strecken cleverer und origineller Film wie District 9 auch an den amerikanischen Kinokassen im großen Stil abkassierte. Dem Sequel, für das die Tür am Ende des Films weit aufgemacht wird, darf man jedenfalls erwartungsvoll entgegenblicken, und wenn Neill Blomkamp nicht richtig Mist baut dürfte ihm eine steile Hollywoodkarriere sicher sein.
8/10

