“Ich will nicht über Zeitreisen reden” – Looper Review
Veröffentlicht von omahabitch um 19:23 Uhr in Reviews | Noch keine Kommentare
Zeitreisen sind in der Zukunft möglich aber streng verboten, werden nur von Verbrechersyndikaten genutzt, um in Ungnade gefallene Personen in die Vergangenheit zu schicken. Dort werden sie von Auftragskillern, so genannten Loopern getötet. Joe (Joseph Gordon-Levitt) ist einer dieser Looper und genießt die Annehmlichkeiten, die der Job mit sich bringt. Bis ihm eines Tages die ältere Version seiner Selbst vor die Flinte geschickt wird.
Es muss irgendwann Anfang der 90er Jahre gewesen sein, als mich mit Zurück In Die Zukunft zum ersten Mal ein Film richtig umgehauen hat. Seitdem habe ich eine Schwäche für alles, was mit Zeitreisen zu tun hat. Das Konzept der Zeitreise liefert Filmemachern und Autoren so viele unterschiedliche Ansätze und Möglichkeiten, dass selbst die Werke, die das Thema lediglich als Gimmick nutzen, ohne sich wirklich intensiv damit auseinanderzusetzen (siehe Filme wie Timecop oder Bill & Ted) alleine durch die Zeitreisethematik jede Menge Unterhaltungswert bieten.
Das große Potenzial von Zeitreisegeschichten ist jedoch gleichzeitig deren größtes „Problem“. Es ist gerade deshalb so faszinierend, sich mit dem Konzept der Zeitreise zu beschäftigen, weil Zeitreisen völlig irrational sind. Alle Zeitreisefilme sind zwingend unlogisch und paradox, weil Zeitreisen per se unlogisch und paradox sind. Beispiel: Der Terminator reist in die Vergangenheit, um die schwangere Sarah Connor zu töten, um zu verhindern, dass ihr Sohn John geboren und in der Zukunft zum Anführer der Rebellen im Kampf gegen die Maschinen wird. Die Zeitreise des Terminators ist also kausal fest mit der Existenz von John Connor verbunden. Gelingt es dem Terminator jedoch, Sarah Connor zu töten, wird John nicht geboren, nicht zum Anführer der Rebellen. Dann reist der Terminator aber auch nicht zurück, um Sarah Connor zu töten. Das ist paradox, es ist unlogisch. Trotzdem macht Terminator Spaß, wenn man als Zuschauer bereit ist, diese logischen Fehler als Notwendigkeit des Themas Zeitreise zu akzeptieren.
Um es gleich vorwegzunehmen: Auch Looper hat diese Probleme. In den ersten 10 Minuten des Films werden das Konzept und die Mechanik von Zeitreisen in Looper durch Joseph Gordon-Levitts Voice-Over knapp aber effektiv umrissen. Es wird ein Universum geschaffen, in dem Zeitreisen existieren und vor allem funktionieren. Wie bei allen Zeitreisefilmen wird dem Zuschauer abverlangt, diesen Fakt zu akzeptieren und nicht zu sehr zu hinterfragen. Die Zeitreisen in Looper funktionieren – so gut Zeitreisen eben funktionieren können. Das gelingt sehr gut, weil Rian Johnson den Zuschauer zunächst durch gut platzierte Actionszenen, Oneliner und interessante Sci-Fi-Konzepte bei der Stange und vor allem fern von zu kritischen Fragen hält. Dazu fällt im Film gleich zweimal, erst durch Jeff Daniels, dann durch Bruce Willis sinngemäß der Satz „Lass uns nicht über Zeitreisen diskutieren, es ist zu kompliziert“. Das mag man als billige Ausrede für die offensichtlichen und notwendigen Logiklücken abtun, in Looper geht das als Entschuldigung aber gut durch. Denn Looper ist nur vordergründig ein Film über Zeitreisen. Stattdessen wird die Zeitreise als Aufhänger für einen Actionfilm genutzt, der ganz andere, große und interessante Themen behandelt.
Im Zentrum der ersten Hälfte von Looper steht der Konflikt zwischen dem jungen Protagonisten Joe und seinem älteren Selbst. Die Zeitreise spielt hier überhaupt keine Rolle. Johnson nutzt sie nur als Vehikel, um eine Geschichte über den Umstand zu erzählen, dass sich Menschen im Laufe ihres Lebens durch Erfahrungen und Erlebnisse ändern. So sehr, dass sich die beiden Versionen von Joe nicht nur nicht sonderlich gut leiden können, sie verachten sich gegenseitig oder besser gesagt die jüngere beziehungsweise ältere Version von sich selbst, sie trachten sich sogar nach dem Leben. Der junge Joe sieht seine ältere Version als schwachen und nutzlosen alten Mann, während der ältere Joe in seiner eigenen Vergangenheit nur den gierigen, selbstsüchtigen und abhängigen Junkie sieht, der sich auf dem falschen Weg befindet.
Das ist bereits mehr Inhalt und Anspruch als die meisten anderen Sci-Fi Filme der letzten Jahre bieten. In der zweiten Hälfte des Films dreht Rian Johnson dann aber richtig auf, verlagert nicht nur den Schauplatz von einer futuristischen Metropole auf eine abgelegene Farm, auf der die Zeit stillgestanden zu haben scheint, sondern wechselt auch noch plötzlich das Genre. Und als wäre das noch nicht genug, wechseln die beiden Versionen auch noch die Seiten in der Sympathie des Zuschauers: Ist die ältere Version Joes nach seinem positiven Lebenswandel zunächst die Identifikationsfigur und das vermeintlich bessere Ende von Joes Lebenslinie, entpuppt sich diese Version trotz nachvollziehbarer Motive als kindermordende und selbstsüchtige Killermaschine, während der jüngere Joe die Katharsis vom egoistischen Junkie zum verantwortungsbewussten Beschützer und damit zum Sympathieträger durchlebt. Auf dem Weg zu diesem Ergebnis wechselt der Zuschauer dabei mehrmals die Fronten – ein drehbuchtechnischer Geniestreich. In diesem zweiten Teil wirft Looper dann zusätzliche Fragen auf. Ist die Entwicklung des menschlichen Charakters vorbestimmt und nicht beeinflussbar oder nur das zufällige Produkt von sozialem Umfeld und den erlebten Erfahrungen? Was treibt Menschen an? Wozu führen menschliche Emotionen und Motive wie Liebe, Hass oder Gier? Wie weit gehen Menschen um diese Emotionen zu befriedigen? Und wäre es moralisch vertretbar, in die Vergangenheit zu reisen, um einen Menschen wie Hitler im Kindesalter zu töten?
Zugegeben, das ist weder philosophisch noch psychologisch der ganz große Wurf. Alles schon mal gelesen, gehört oder gesehen. Aber es ist mehr Anspruch, als man von einem Sci-Fi-Film dieses Kalibers erwarten konnte und durfte. Dazu wird Looper niemals zu ernst oder gar schwermütig. Johnson behandelt all diese Themen stets im Kontext eines höchst unterhaltsamen und kurzweiligen Actionfilms. Gespickt mit Onelinern, Anspielungen auf Klassiker verschiedener Genres von Blade Runner über Terminator bis hin zu Firestarter. Looper ist so viel mehr als ein simpler und unterhaltsamer Actionfilm, er funktioniert aber auch, wenn man ihn nur als solchen sehen will.
Bruce Willis, nach Terry Gilliams 12 Monkeys von 1994 mal wieder auf Zeitreise, merkt man den Spaß an, den er dabei hat, endlich wieder in einem guten Film mitspielen zu dürfen. Joseph Gordon-Levitts Gesicht wurde mit Make-Up dem willis-typischen Hundeblick angeglichen, was zunächst etwas irritiert, nach spätestens 5 Minuten jedoch nicht mehr stört. Jeff Daniels gibt den herrlich perfide-bösen Looper-Boss, Emily Blunt eine moderne und attraktive Version von Sarah Connor. Und irgendwo hat Rian Johnson dann auch noch den besten Kinderdarsteller seit (mir fällt spontan kein guter Kinderdarsteller ein) ausgegraben.
Wie alle guten Science Fiction Regisseure kreiert Rian Johnson eine Zukunftsvision, deren Ansätze in unserer Gegenwart bereits erkennbar sind, was unseren Blick auf diese Gegenwart hinterfragt. China hat Frankreich als beliebtestes Urlaubsziel abgelöst. Einige Menschen verfügen über die Fähigkeit der Telekinese. Was zunächst klingt wie ein Quantensprung in der menschlichen Evolution wird in Johnsons Zukunft als PickUp-Routine zum Abschleppen von Frauen verschwendet. Die Eitelkeit der Menschen steht der Nutzung des menschlichen Potenzials im Weg. Ernüchternd aber nachvollziehbar. Rian Johnson versieht sein Modell der Zukunft auch mit eigener Terminologie („Loops schließen“, etc.) sowie jeder Menge kleiner Gimmicks und Liebe zum Detail.
Rian Johnson, der schon seit seinem ersten Spielfilm Brick als eines der größten jungen Talente Hollywoods gilt, liefert mit seinem dritten Film Looper sein bisher bestes Werk ab. Ein Film, der auf vielen unterschiedlichen Ebenen funktioniert, enormes Rewatch-Potential bietet und Johnson endgültig die Türen Hollywoods öffnen dürfte. Wer sich zulange am Zeitreiseaspekt aufhängt, um irgendwelche Plotholes unbedingt entdecken zu müssen, wird wohl eher keine Freude an Looper haben. Um das volle Potenzial des Films wirklich zu erkennen, sollte sich der Zuschauer damit abfinden, dass die Thematik der Zeitreise hier weder besser noch schlechter funktioniert als in allen anderen Zeitreisefilmen, Looper dafür aber ganz andere Qualitäten besitzt.
Deutscher Looper Trailer:
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