
Quentin Tarantino ist zurück. Nachdem der Kultregisseur mit seinem letzten Output Death Proof eher enttäuschte und selbst von seinen ansonsten so loyalen Fanboys erstmals Kritik zu hören bekam, besinnt sich Tarantino mit Inglourious Basterds auf das, was er wirklich kann: Interessante Charaktere erschaffen, die sich in ellenlangen aber dennoch faszinierenden Dialogen und gelegentlichen Gewaltausbrüchen präsentieren. Verpackt ist das ganze wie immer in eine Art Hommage, diesmal bediente sich Tarantino bei Italowestern und Weltkriegsfilmen, vermengt diese Genres zu einem unterhaltsamen Mix, der zwar keine große Story, aber jede Menge grandiose Momente zu bieten hat.
Die Handlung von Inglorious Basterds ist schnell erzählt, eine kleine Militäreinheit, angeführt von Aldo Rayne (Brad Pitt) macht in Frankreich Jagd auf Nazis, ihr größter Coup soll während der Premiere eines deutschen Propagandafilms in Paris erfolgen, doch auch die jüdische Besitzerin des Kinos, Shaushanna, hat ihre eigenen Pläne um mit der anwesenden Nazielite abzurechnen. Wie so oft bei Tarantino dient diese dünne Story nur als Grundlage für die einzelnen Szenen, die für sich genommen fast alleine stehen und den Kern des Films ausmachen. Tarantino kaschiert das Fehlen einer klassischen Narrative einmal mehr mit der Unterteilung des Films in verschiedene Kapitel, die alle ihren eigenen Spannungsbogen und teilweise sogar eigenen Stil besitzen.
Und wie so oft leitet er auch Inglourious Basterds mit einer ausgedehnten Dialogszene zwischen dem „Jew Hunter“ Hans Landa (phänomenal: Christoph Waltz) und einem französischen Farmer ein. Landa ist der faszinierendste Charakter, den Tarantino jemals geschrieben hat, vielleicht sogar einer der großartigsten Antagonisten der Filmgeschichte. Stets freundlich und zuvorkommend, fast schon väterlich, hochintelligent und mit einem an Sherlock Holmes erinnernden Instinkt ausgestattet, fast ist man geneigt den Mann in der grauen SS-Uniform sympathisch zu finden, was seine immer wieder plötzlich durchscheinende Kaltblütigkeit und Brutalität noch perfider und schockierender wirken lässt. In dieser ersten Szene jedenfalls zeigen sich Tarantino und Waltz in Hochform. Gefühlte 20 Minuten reiner Dialog, dennoch könnte die Szene kaum spannender und fesselnder sein.
Mit Ausnahme der talentfreien Zone Diane Kruger als Agentin Bridget von Hammersmark sind auch die übrigen Rollen stark besetzt, Tarantino begeht glücklicherweise nicht denselben Fehler wie Spielberg oder Bryan Singer, die deutschen und französischen Rollen mit amerikanischen Schauspielern zu besetzen, sondern engagierte tatsächliche native speaker, was die Dialogszenen nicht nur realistischer macht, sondern zudem zu einem Sprachmix aus deutsch, englisch und französisch führt, der in Inglourious Basterds fast schon als Stilmittel eingesetzt wird. Neben Daniel Brühl als Kriegsheld und Filmstar Fredrik Zöller darf unter anderem auch August Diehl in einer grandiosen Szene beweisen, dass er mehr drauf hat als er in den üblichen deutschen Fliessbandproduktionen bisher zeigen konnte. Selbst Til Schweiger agiert unter Tarantinos Führung erfreulich unnervig, was aber auch daran liegen könnte dass er nur zwei Sätze sprechen muss.
Brad Pitt mimt in Inglourious Basterds mal wieder den harten Hund, und während sein breiter Südstaatenakzent im Trailer noch befremdlich und aufgesetzt wirkte, unterstützt seine Sprechweise im Film seinen Charakter als simplen aber unerschrockenen und brutalen Fighter. Dies rettet ihn aber letztendlich auch nicht davor, als direkter Gegenspieler von Christoph Waltz von selbigem hoffnungslos an die Wand gespielt zu werden. Und hier fangen die Probleme von Inglourious Basterds dann auch an: So eindrucksvoll und faszienierend Hans Landa als Antagonist auch ist, er hat einfach kein ernstzunehmendes Gegengewicht. Die Basterds wirken eher wie Randfiguren, mit Ausnahme von Brad Pitt, Eli Roth und Til Schweiger werden die Mitglieder der Truppe auch gar nicht erst charakterisiert, bleiben uninteressant. Auch Shaushanna, die eigentliche Protagonistin kann diese Lücke nicht füllen.
Zudem werden die gelegentlich großartigen Szenen durch einige Längen unterbrochen, fast hat man den Eindruck Tarantino wollte den Film mit aller Macht auf die zweieinhalbstündige Laufzeit dehnen. Leider geht mit der zunehmenden Laufzeit auch dem Drehbuch die Puste aus. Die Frequenz der wirklich guten Dialoge und Situationen wird immer niedriger, und nach dem finalen Gemetzel bekommt Landa nicht einmal den (in jeder Hinsicht verdienten) großen Abgang, sondern wird plötzlich als totale Witzfigur verpulvert, von seiner anfänglichen Intelligenz und Gerissenheit bleibt am Ende jedenfalls nicht mehr viel übrig.
Insgesamt ist Inglourious Basterds aber zumindest über weite Strecken eine beeindruckende Rückkehr Tarantinos zu seiner alten Form, vereinzelte Szenen muss man einfach als „ganz großes Kino“ beschreiben, auch wenn der Film diese Genialität leider nicht über die volle Spieldauer beibehalten kann.

- OT: Inglourious Basterds
Land / Jahr: USA / 2009
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Daniel Brühl, Eli Roth, Til Schweiger, Diane Kruger
Laufzeit: 153 Minuten
FSK / MPAA: ab 16 / R
IMDb: http://www.imdb.com/title/tt0361748/



Flo Lieb sagte am 23. August 2009 um 21:07
Interessante Charaktere erschaffen, die sich in ellenlangen aber dennoch faszinierenden Dialogen und gelegentlichen Gewaltausbrüchen präsentieren.
Und das war bei Death Proof nicht der Fall?
omahabitch sagte am 23. August 2009 um 21:13
Doch, deshalb war Death Proof auch noch durchaus unterhaltsam, für Tarantino Verhältnisse aber eine Enttäuschung. Dieses “grosses Kino” Gefühl hatte ich jedenfalls bei Basterds (vor allem im Intro, aber zB. auch in der Szene in der Kellerbar zwischen Diehl und Fassbender), bei Death Proof nicht.
Marktforschung per Twitter: Zwitscherer lieben “Inglourious Basterds” | TechFieber | Hot Gadget Blog. Smart Tech News. sagte am 26. August 2009 um 19:45
[...] Inglourious Basterds Review trailer [...]
Paul sagte am 31. August 2009 um 22:53
Ich muss sagen das ich ein wenig enttäuscht bin. Ich hätte mehr erwartet. Obwohl das ende grandios ist, finde ich den Film etwas geradlinig. Es gibt kaum Höhepunkte und die Musikalische Untermalung ist auch nicht so gu wie bei den vorherrigen QT Filmen.
F+*# u Critic sagte am 09. Dezember 2009 um 07:33
Ihr seid doch alle haters. Grandiose fesselnde Story, einziger kleiner fehler den ich fand: Warum killt Hans Landa Die schlechte Schauspielerin, und beweist damit den Hass auf Collaborateure, wenn er doch selbst dann einen Deal schließt mit dem Feind?
Ansonsten TOOOOOP ENTERTAINMENT welches man nur selten im Jahr geboten kriegt.
richiee@freenet.de