Martyrs Review

Veröffentlicht von omahabitch um 00:37 Uhr in Reviews | 10 Kommentare

martyrs Martyrs Review

Martyrs, der jüngste französische Beitrag zur Welle der Extremhorrorfilme, machte bereits vor seiner Veröffentlichung Schlagzeilen. Erste Reviews sprachen vom härtesten und brutalsten Film aller Zeiten, in Frankreich sollte der Film ursprünglich erst ab 18 Jahren freigegeben werden, ein Skandal in dem Land, in dem selbst Tanz der Teufel von Kindern ab 12 gesehen werden darf. Eine Mutprobe soll Martyrs sein, eine nie dagewesene Provokation, die alle anderen modernen Sickos in den Schatten stellt.

Natürlich ist das alles Blödsinn. Filme die solche Schlagzeilen machen können diese „Erwartungen“ in den seltensten Fällen erfüllen. Trotzdem ist Martyrs kein Film den man sich mal eben beim Filmabend mit der Freundin oder den Eltern anschaut. Martyrs bietet extrem gewalttätiges und schonungsloses Exploitation-Kino wie es seit Jahrzehnten ausgestorben zu sein schien und verweist Möchtegern Schocker wie Hostel und die SAW Sequels auf deren Plätze.

Pascal Laugiers tour de force beginnt wie ein handelsüblicher Slasher der neueren Generation. Zeitungsartikel und Ausschnitte aus einem verwaschenen Super8 Film führen den Zuschauer in die Geschichte ein, zeigen einen verlassenen Bunker unter einem Haus, in dem übel zugerichtete Kinder gefunden wurden. Anzeichen auf sexuellen Missbrauch gibt es keine, die Verantwortlichen wurden nie gefasst.

Schnitt auf eine gutbürgerliche Durchschnittsfamilie am Mittagstisch, es wird miteinander geredet, geflachst, keine besonderen Charaktere, aber irgendwie bekannt und sympathisch. Es klingelt an der Tür, und als der Vater öffnet beginnt ein blutiges Massaker. Täterin dieses Blutbades ist Lucie (Mylène Jampanoï), eine junge zierliche Frau die dem eingangs erwähnten Folterkeller als einziges Kind entkommen konnte und in ihren Opfern ihre damaligen Peiniger vermutet.

Laugier inszeniert diesen Teil des Films schonungslos und extrem brutal. Wo andere, selbst harte Filme abblenden, hält er mit der Kamera voll drauf, selbst wenn Kinder ermordet werden. Trotzdem wirken diese Szenen nie voyeuristisch oder gar unterhaltsam, die Gewalt wird so hart, abstoßend und widerlich gezeigt wie sie wirklich ist, weder die Taten selbst, noch Lucies Motivation werden verherrlicht.

Nach dem eröffnenden Massaker führt der Film plötzlich surreale Horrorelemente ein, die wohl das kaputte Seelenleben von Lucie darstellen sollen, im Film der bis zu diesem Zeitpunkt sehr realistisch daher kam aber eher fehlplaziert wirken. Auch die Nebenfigur Anna (Morjana Alaoui), die zunächst lediglich am Rand der Handlung auftritt wird in dieser Phase des Films zunehmend zur Protagonistin, übernimmt den Hauptfigurenpart schließlich ganz. Eine riskante Entscheidung von Laugier, dem Zuschauer einen solchen Perspektivwechsel zuzumuten, die im Film überraschend gut funktioniert. Mit diesem Wechsel wird zudem der finale Part von Martyrs eingeleitet, bei dem der Regisseur dem Publikum noch einmal einen saftigen Schlag in die Magengrube versetzt. Denn was jetzt kommt stellt das zuvor gezeigte Massaker an Brutalität tatsächlich in den Schatten.

Annas Schicksal in der letzten halben Stunde des Films dürfte der tatsächliche Grund für die mit Martyrs verbundene Kontroverse sein. Die Schonungslosigkeit und Dreistigkeit mit der Laugier hier vorgeht macht den berüchtigten Exploitation Streifen aus den 70er Jahren alle Ehre, die ihrerseits aber zumindest noch eine skurille Naivität und damit Abstraktionspotential haben. Martyrs hingegen quält den Zuschauer und Anna ohne jeden Funken Selbstironie oder comic relief. Obwohl die Torturen alleine an blutigen Details gemessen weit weniger explizit sind als das Gemetzel zu Beginn des Films wirken diese Szenen ungleich härter und verstörender. Fast möchte man am Ende dem Regisseur die Hand schütteln und ihm dafür danken dass er die finale und brutalste Folterung tatsächlich nur andeutet und dem Zuschauer „lediglich“ deren blutiges Ergebnis präsentiert.

Ja, Martyrs ist hart und brutal, legt die Messlatte für französische Horrorfilme noch mal ein ganzes Stück höher als der kurz zuvor erschienene Aufreger Inside, trotzdem lässt sich der Film nur bedingt mit den harten Horrorfilmen der letzten Jahre vergleichen, denn Laugiers Gewaltszenen sind tatsächlich schockierend und sitzen tief, ähnlich wie bei seinem Landsmann Gaspar Noé rufen diese Darstellungen beim Zuschauer ein unangenehmes Gefühl hervor, seichte Attraktionsunterhaltung wie bei Hostel und Konsorten bekommt man hier nicht serviert. Wo Filme wie Inside wegen ihrer extrem überzogenen Gewaltdarstellung eher belustigend als schockierend wirkten, trifft Laugier exakt das richtige Maß und terrorisiert den Zuschauer mit dem Geschehen auf der Leinwand.

Dennoch sind die meisten, wenn nicht alle der Superlative, mit denen Martyrs bedacht wurde natürlich stark übertrieben. Wenn es den „härtesten Horrorfilm aller Zeiten“ gibt, Martyrs ist es sicherlich nicht. Aber er zählt durchaus zu den intensivsten und schockierendsten Filmen der letzten Jahre. Da ist es fast schon schade, dass Martys als extremer Horrorfilm beworben wird und wohl auch nur in der entsprechenden Zielgruppe sein Publikum finden wird, denn filmtechnisch zieht Laugier hier alle Register, beweist ein gutes Auge für stimmige Bilder und liefert einen hochglanzpolierten und einwandfrei produzierten Schocker ab. Da fallen dann auch einige Schwächen des Drehbuchs nicht mehr ganz so schwer ins Gewicht, vor allem das Ende und die Enthüllung der Motive für die ganzen Quälereien wirkt bei aller Originalität doch etwas weit hergeholt. Lässt man sich allerdings auf die Story ein, verstärkt dies den gezeigten Terror noch einmal deutlich, denn bald wird klar dass es sinnlos ist, hier mit dem Opfer mitzufiebern, auf seine Befreiung und anschließende Rache zu hoffen, denn das Ende ist absehbar und unabwendbar, es bleibt nur das Mitleiden.

rating8base4 Martyrs Review

Kleine Unverständnisbekundung am Rande: Bei den ganzen Filmen die heute in Deutschland nur stark geschnitten oder gleich gar nicht veröffentlicht werden ist es tatsächlich eine kleine Sensation dass Martyrs am 1.4.2009 (zumindest im Verleih) ungeschnitten und mit SPIO/JK Freigabe hierzulande auf DVD veröffentlicht wird.

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10 Kommentare zu “Martyrs Review”

    • blade41 sagte am 28. März 2009 um 21:08 Uhr

    • Schöne Review. Kann ich mich so anschließen. Wer hätte gedacht, dass wir nach “Inside” nochmal bei einem Film so konform gehen? *gg*

    • omahabitch sagte am 28. März 2009 um 21:53 Uhr

    • Sieh an, das Leben ist voller Überraschungen, aber ich kann ja mal Twilight reviewen wenn ich schlechte Laune habe ;)

    • theNEWguy sagte am 30. März 2009 um 16:42 Uhr

    • Sehr fein Omaha, ich freu mich auf den Film. Inside habe ich erst vor kurzem gesehen und fand ihn zwar weder belustigend noch schlecht, aber auf jedenfall war er für meinen Teil äußerst grenzwertig und ich habe mich dabei mehrere Male ertappt, wie ich den Kopf schütteln musste, weil ich das schon ganz schön arg fand.

      Nun gut, ich bin aber bereit, aufs Neue schockiert zu werden. :)

    • omahabitch sagte am 30. März 2009 um 16:44 Uhr

    • Dann stell dich schonmal auf erneutes Kopfschütteln ein ;) Martyrs ist zwar nicht so blutig wie Inside aber ich fand ihn wie gesagt um einiges härter, aber eben auch besser.

    • fullmedialarchive sagte am 23. April 2009 um 20:11 Uhr

    • Hallo Omahabitch,

      gerade auf euer Blog gestoßen. Kompliment, großartiger Header vor allen Dingen. Stimme deiner Wertung zu Martyrs zu. Bis auf einen Punkt: der Film ist keine Exploitation. Die ganzen Kannibalen-Filme, Joe D’amato und Umberto Lenzi sind Exploitation. Da geht es rein um Schauwerte. Bei Martyts geht es aber um die Idee. Und die macht Angst. Das Ende fand ich schlichtweg genial. Kurz: Einer der besten Filme der letzten Jahre.

    • omahabitch sagte am 24. April 2009 um 13:52 Uhr

    • Hi, ja da hast du sicher recht. Wollte auch Martyrs weniger ins Exploitation Genre einordnen als vielmehr sagen dass die “Dreistigkeit” mit der die Gewalt in Martyrs dem Zuschauer präsentiert wird an diese Filme erinnert. Aber natürlich hat Martyrs mehr Gehalt und “Sinn”…





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