Veröffentlicht von omahabitch um 19:33 Uhr in Reviews | 4 Kommentare

slumdog Slumdog Millionär Review

Der junge, auf der Straße aufgewachsene Jamal (Dev Patel) steht kurz davor, zum Millionär zu werden. Ok, zum Rupienmillionär, denn die 20 Millionen Rupien, die er in der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ gewinnen kann, entsprechen gerade einmal 300.000 Euro, trotzdem eine unvorstellbare Summe für einen ehemaligen Straßenjungen. So unvorstellbar, dass die Polizei in Mumbai ihn für einen Betrüger hält und ein Geständnis aus ihm herausfoltern will. Doch Jamal ist kein Betrüger, kennt die Antworten aufgrund seiner bewegten Lebensgeschichte, die im Film episodenhaft in Rückblenden erzählt wird.

Schon die Prämisse des Films ist ungewöhnlich und durchaus originell. Die Idee, die Dramaturgie eines Spielfilms mit der Dramaturgie einer „Wer wird Millionär“ Runde zu verknüpfen funktioniert auch ziemlich gut, auch wenn dieser Ansatz im Laufe des Films immer mehr in den Hintergrund rückt und fast zum Alibi wird. Dafür funktionieren die Rückblenden umso besser, jeder Fetzen aus Jamals Leben hat seine eigene, für den Film tatsächlich erhebliche Bedeutung, vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, den Jungen wirklich kennenzulernen und eine enorme Sympathie.

Die Underdoggeschichte des buchstäblichen Tellerwäschers, der zum Millionär wird weil der Zuschauer es ihm gönnt, die ewige Liebe mit Hindernissen zu Jamals Jugendfreundin Latika und die Spannungen mit seinem zunächst so treuen Bruder Salim mögen im Grunde bekannt und fast schon kitschig sein, kommen aber realitätsnah rüber und fügen sich zu einer schönen Parabel über Schicksal und Leben zusammen. Da stört es eben nicht dass man einige der Spannungsbögen vorhersehen kann, vor allem eine der „Schlüsselszenen“ in der dem Zuschauer die wahre Motivation des Fernsehmoderators Kumar offenbart wird, ist nicht ganz so überraschend wie die Inszenierung es zu suggerieren versucht, aber eben dennoch spannend weil absolut ergreifend gespielt.

Hierbei profitiert der Film vor allem von seinem Cast, der fast ausschließlich aus unbekannten und daher unverbrauchten Gesichtern besteht, die den Film aber eindeutig tragen. Die Protagonisten werden in ihren unterschiedlichen Lebensabschnitten von jeweils drei unterschiedlichen Darstellern gespielt, dass man das im Verlauf des Films nicht wirklich bemerkt spricht für das starke Casting. Auch die Nebenrollen, allen voran Anil Kapoor als schmieriger TV Moderator, wissen zu überzeugen. Selten habe ich solch ein unbekanntes aber starkes Casting gesehen.

Hinzu kommt Danny Boyles Talent für beeindruckende Bilder, und in Slumdog Millionär darf er sich dann auch ausgiebig in den weiten Landschaftsaufnahmen austoben und findet genau die richtige Balance zwischen stylisher MTV-Ästhetik und Emotionen. Dabei harmonieren die Bilder perfekt mit dem treibenden und atmosphärischen Soundtrack, am Ende ließ Boyle es sich sogar nicht nehmen, eine Tanzeinlage des gesamten Casts für den Abspann zu inszenieren, die als Augenzwinkern in Richtung Bollywood verstanden werden kann, und selbst Bollywoodhassern wie mir gefallen düfte.

Slumdog Millionär war der Abräumer bei der diesjährigen Oscarverleihung, und das obwohl das Studio den Film zunächst als schnöde DVD-Premiere auswerten wollte. Dieser Status des Underdogs verschonte Danny Boyles bisher reifsten Film jedoch nicht vor harscher Kritik, die den Film entweder für überbewertet hielt, oder ihm vorwarf bei der Darstellung Indiens auf abgedroschene westliche Klischees zu bauen. Das Indien in Slumdog Millionär habe gar nichts mit dem realen Indien zu tun. Zumindest das letzte Argument ist einigermaßen nachvollziehbar, denn Boyle zeigt Indien als verdrecktes und verkommenes Moloch, in dem Straßenkinder missbraucht werden, diese wiederum Touristen ausnehmen, Polizei und Behörden korrupt sind, und man niemandem trauen kann. Kein Werbefilm für den Tourismus in Indien also, aber das will der Film auch nicht sein. Die Geschichte von Slumdog Millionär ist packend inszeniert, das Setting in den Slums von Mumbai wirkt zumindest für westeuropäische Augen realistisch, und ich kann nicht so recht glauben dass Boyle dem Land mit seinem Film da wirklich so sehr Unrecht tut. Was bleibt ist jedenfalls eine interessante, originelle Geschichte, die mit Liebesgeschichte, Action, Spannung und Drama alles bietet was ein großer Film braucht, und Boyle hat es mit Slumdog Millionär wohl endgültig vom Regisseur kleiner aber feiner britischer Filme zur festen Größe in Hollywood geschafft.

Slumdog Millionaire ist sicher nicht der Meilenstein der Filmgeschichte, zu dem er gehyped wurde, aber zumindest ein verdammt guter Film, den man gesehen haben sollte.

rating9base Slumdog Millionär Review

OT: Slumdog Millionaire R: Danny Boyle D: Dev Patel, Anil Kapoor L: 120 min.

Trailer

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4 Kommentare zu “Slumdog Millionär Review”

    • theNEWguy sagte am 04. April 2009 um 23:54 Uhr

    • Ich hab den Film heute nach einem ausgedehnten Sonnenbad Tag gesehen, zusammen mit 2 Freundinnen. Wir wollten eigentlich Keiras neuen Film die Herzogin sehen, allerdings war der im Kino unserer Wahl ausverkauft.

      Also Slumdog Millionaire.Ich muss vorweg sagen, dass ich ihn eigentlich nicht im Kino sehen wollte. Was der Grund dafür ist, kann ich nicht sagen, vielleicht lag es an der für mich so unbekannten Thematik. Jedenfalls war ich letztlich total überrascht von diesem Film, und er ist wohl wirklich Boyles bisher erwachsenster Film. Ich kenne bis auf The Beach auch alle seine Filme, und bei Slumdog hat Boyle einmal mehr gezeigt wie wandelbar er doch sein kann, wenn es darum geht etwas auf die Leinwand zu zaubern. Tolle Bilder, tolle Schauspieler, ein toller Soundtrack (!!!) und eine spannende Erzählweise ( die vielen Rückblenden machen hier wirklich Sinn), ergeben einen sehr guten Film.

      Ein verdienter Abräumer bei den Oscars. :)

    • Paul sagte am 05. April 2009 um 02:36 Uhr

    • @ Nina: das ja mal ein bomben statement.

      @ theNEWguy: Ich fand den Film auch ganz gut.

      Bezüglich des “toller Soundtracks”. Der ist doch nur am Ende des Films wirklich gut. Da wo die sich alle am Bahnhof treffen.

    • omahabitch sagte am 05. April 2009 um 02:53 Uhr

    • @ theNEWguy: word :)

      @ Paul: Ich fand den Soundtrack insgesamt sehr gut, war ne gute Mischung aus exotischen Klängen und westlichem Pop, hat oft gut zu den Szenen gepasst.





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