Von Priestern und Vampiren – Thirst (Durst) Review

THIRST_2

Der Priester Sang-hyeon hadert mit seiner Existenz als Diener Gottes auf Erden, genauer gesagt in einem Krankenhaus. Anstatt den Bedürftigen tatsächlich helfen zu können, kann er im Rahmen seiner Arbeit nur den Sterbenden Trost spenden. Getrieben vom Verlangen, Krankheit und Tod auch aktiv bekämpfen zu können, treibt es ihn nach Afrika, wo er an einem medizinischen Experiment zur Heilung des EV-Virus teilnehmen will. Die Überlebenschancen der Testpersonen sind aussichtslos gering, und dennoch überlebt Sang-yeon die Versuchsreihe als einziger der 500 Probanden. Es zeigt sich allerdings schnell, dass sein Überleben einen Preis hat, denn Sang-hyeon ist zu einem Vampir geworden, eine Existenz die für einen Priester natürlich ein Dilemma darstellt: denn wie soll er seinen Blutdurst stillen, wenn er nicht töten darf?

Noch problematischer wird die Situation für Sang-yeon, als er Tae-joo trifft, die er schon als kleines Mädchen kannte. Tae-joo ist unfreiwillig und unglücklich mit dem Sohn ihrer Adoptivmutter verheiratet, und wird von beiden als Hausmädchen gehalten. Durch diese Begegnung wird Sang-hyeon erstmals mit Verführung und irdischen Gelüsten konfrontiert, denen er (so viel sei verraten) schnell erliegt. Trotz seiner anfänglichen Gegenwehr fallen Sang-hyeons Prinzipien von nun an wie Dominosteine, und die Beziehung mit Tae-joo schlägt eine immer destruktivere Richtung ein.

Als “Park Chan-wooks erster Vampirfilm” wird Thirst beworben. Dieser Satz ist zwar sicher eher Marketing-Gag und Anspielung auf seine Rachetrilogie (Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy, Lady Vengeance) als das Versprechen einer neuen Vampirtrilogie, täuscht aber auch darüber hinweg, dass sich Chan-wook hier keinesfalls in neue Gefilde begibt. Die philosophischen Themen Moral, Schuld und Verantwortung spielen in Thirst eine ebenso prominente Rolle wie in seiner Rachetrilogie, selbst die fast schon inzestuösen Verhältnisse in Tae-joos “Familie” erinnern nicht ganz entfernt an Oldboy. Bei Thirst handelt es sich auch nicht um einen klassischen Vampirfilm, denn die übernatürlichen Elemente dienen hier ähnlich wie schon beim grandiosen Let The Right One In lediglich als Metapher. In Thirst geht es nicht um einen blutsaugenden Vampir, sondern um einen Menschen in einer Identitätskrise, dessen Prinzipien in Frage gestellt werden, hier um einen Priester der vom Glauben abfällt. Dabei ist dieses an sich schon komplexe Thema nur eines der vielen existentiellen Elemente, die Chan-wook hier Schicht für Schicht übereinander legt. Trotz gelegentlicher Zugeständnisse, die Chan-wook an das Horrorgenre in Form vereinzelter (aber höchst expliziter) Gewaltausbrüche macht, bleibt Thirst in erster Linie ein komplexes Drama, kein unterhaltsamer Horrorfilm.

Wo Oldboy mit der Suche seines Protagonisten nach dem wer und warum noch einen zwar komplexen aber zugänglichen weil klassischen Spannungsbogen hatte, dem Zuschauer am Ende aber ein kryptisches Rätsel als Lösung präsentierte, fehlt es in Thirst an solch einer klassischen Narrative. Stattdessen setzt Park Chan-wook fast ausschließlich auf die Entwicklung seiner Charaktere und die Wucht seiner Bilder. Und das gelingt ihm ausgesprochen gut. Es wurde schon viel über die herausragende Szene geschrieben, in der Sang-hyeon mit Tae-joo in den Armen über die Dächer der Stadt springt, und die Kamera dabei immer eng auf dem Gesicht seiner freudestrahlenden Angebeteten bleibt, dem Zuschauer ein echtes “mittendrin” Gefühl gibt, das ein leises aber kollektives Raunen durch das Kinopublikum gehen lies. Doch auch die übrigen Szenen sind nicht nur einfach “schön” gefilmt, sondern zerbersten fast vor Ästhetik und Symbolik und machen Thirst zu einem handwerklich exzellenten Film, der einfach auf der großen Leinwand gesehen werden muss.

Und bei aller Komplexität der behandelten Themen wirkt Thirst doch nicht wirklich schwerfällig oder gar pretentiös, wird immer wieder durch komische Momente und Situationen aufgelockert, bietet überraschende, teilweise bizarre Wendungen. Gerade in diesen grotesken kleinen Momenten, die teilweise brüllend komisch, teilweise erschreckend sind, läuft der Regisseur zu Höchstform auf. Dadurch wird Thirst trotz seiner Laufzeit und der fehlenden klassischen Narrative nie langweilig, was den Film wohl leider nicht davor bewahrt, dennoch von einem großen Teil des Publikums nicht angenommen zu werden. Denn wenn Park Chan-wook in der zweiten Hälfte des Films surreale Elemente einbindet, Traum und Realität in ästhetisch zwar höchst anspruchsvollen aber eben auch verwirrenden Bildern fließend vermischt, verlangt er vom Zuschauer, dass er sich nach dem bisher ohnehin schon ungewöhnlichen Film nun auch noch auf diesen Schritt einlässt. Diesem Wunsch wird sicher nicht jeder nachkommen können oder wollen. Es spricht aber für ihn, dass er trotz seinem gefestigten Status immer noch Risiken eingeht, neue Wege geht, die dann zu solchen Perlen des asiatischen Kinos wie Thirst führen.

9,5/10

Related Posts with Thumbnails

Verwandte Artikel

5 Kommentare zu “Von Priestern und Vampiren – Thirst (Durst) Review”


  1. Der Film ging gefühlte drei Stunden. Gerade den dritten Akt hätte man sich eigentlich sparen können. Und dann dieses Klischee-Ende, *gähn*. THIRST ist okay, keine Frage, besser als MR. VENGEANCE oder vielleicht auch noch J.S.A., aber mit seinen letzten drei Filmen nicht zu vergleichen.

    Süß übrigens, wie du immer von “Chan-wook” redest, das hat so was persönliches, einen Regisseur beim Vornamen zu nennen :-)


  2. Danke für den Hinweis mit den Vornamen, bei den Koreanern bin ich mir da nie so sicher ;)

    Was den Vergleich mit seinen anderen Filmen angeht: JSA hat bei mir eine glatte 10/10, ist für mich auch sein ebster Film aber ich merke schon, wir werden uns da nicht einig :)


  3. Was die “gefühlten drei Stunden” angeht muss ich dir aber recht geben, ich war selbst überrascht als ich gesehen habe dass es nur zwei waren. Das lag aber wohl eher daran dass der Film keinen normalen Spannungsbogen hat und die Handlung eher an einer Aneinanderreihung von Momenten besteht, was mich wie gesagt nicht gestört hat.

    Kann aber verstehen warum das nicht jedermanns Sache sein mag.

    Bezüglich des dritten Akts muss ich dann aber doch nochmal widersprechen :)

    Hier ging es ja gerade um das Schuldthema das im gesamten Kontext des Films dann schon wichtig war, mir hat die Wendung mit Tae-joos Entwicklung auch gefallen.

    Und ja, das Ende ist nicht das origenellste Ende für eine Vampirgeschichte, aber es war beeindruckend gefilmt :)

  4. Von mir kriegt ganz klar Sympathy for Mr. Vengeance die 10/10 and Parks Bester :)

    Aber Thirst ist auch großartig, keinesfalls zu lang, immer wieder neben der Spur, zum Bersten kreativ, sehr blutig, hoch erotisch und sooooo traumhaft gefilmt. Die Bilder haben eine Brillanz, wie man sie selten sieht, kein einziger Wackler, die Schärfe immer auf den Punkt, die Einstellungen immer perfekt. Atemberaubend, allein die Optik.


  5. Besser hätte ich es nicht ausfrücken können ;)

Sag was!




Nachricht: