
OT: Watchmen
USA 2009
R: Zack Snyder
D: Jackie Earl Haley, Billy Crudup, Jeffrey Dean Morgan, Patrick Wilson
IMDb: http://www.imdb.com/title/tt0409459/
![]()
Die USA in den 80er Jahren: Der Krieg in Vietnam ist gewonnen, Präsident Nixon regiert schon in seiner fünften Amtszeit, und die Welt steht Tage vor einem Atomkrieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sovjetunion. Düstere Aussichten, die Alan Moore da in seiner Über-Graphic Novel aus dem Jahr 1986 zeichnet. Und auch wenn der kalte Krieg mittlerweile längst vorbei ist, die Geschichte der Vorlage, die von der New York Times als einziges Comic in die Liste der besten 100 amerikanischen Romane aufgenommen wurde ist heute mindesten genauso aktuell wie zu ihrer Entstehungszeit. Der ideale Zeitpunkt also für eine Verfilmung des Werks, das lange als das wohl einzige unverfilmbare Comic galt.
Zack Snyder hat es trotzdem getan und eigentlich konnte der Mann nur alles falsch machen. Watchmen ist kein Spiderman oder Batman und vor allem kein X-Men. Die Charaktere eignen sich nicht für kinotaugliche Actionfilme sondern funktionieren nur im Kontext der fast schon monströsen Hintergrundgeschichte. Die Vorlage ist derart komplex und tiefgründig, dass man mit einer detailgenauen Verfilmung wohl viele Nichtkenner der Graphic Novel und die Mehrheit der Kinogänger vor den Kopf stösst, die einen kurzweiligen Popcornspaß erwarten. Gestaltet man den Film massenkompatibel muss man zwangsläufig den engen Rahmen der Vorlage verlassen und vergrault die Fanboys. Und das letzte was sich Snyder erlauben kann sind angepisste Fanboys. Ein Dilemma also, das Snyder aber so gut lösen könnte wie es eben ging.
Die Geschichte beginnt wie schon das Buch mit dem Mord an einem ehemaligen Watchmen, einer Gruppe ziviler Ordnungshüter, die sich in (bewusst) lächerlichen Kostümen das Ziel gesetzt hat, den Job der korrupten und machtlosen Polizei im Kampf gegen den Abschaum der Menschheit zu erledigen. Als die Regierung die Watchmen verbietet zerbricht die Gruppe, die Mitglieder ziehen sich entweder in ihr langweiliges Privatleben zurück oder verrichten ihr Werk jenseits der Legalität. Einer dieser Outlaws, Rorschach, der den Zuschauer als zentrale Figur durch die Geschichte führt, stellt Ermittlungen an und kommt dabei einem Killer auf die Spur, der es auf die ehemaligen Watchmen Mitglieder abgesehen zu haben scheint.



So beginnt die Story die außer dem Motiv wirklich gar nichts mit den gängigen Heldengeschichten zu tun hat, und eher einen düsteren, pessimistischen Thriller abgibt, mehr film noir als X-Men ist. Alan Moore konzipierte sein Comic damals als sarkastischen Abgesang auf das Superheldengenre, als Dekonstruktion der klaren Trennung zwischen Gut und Böse. Während die Comics mit ihren übermenschlichen Superhelden die Menschen damals von der dunklen Realität des kalten Krieges ablenken wollten, reibt Moore den Lesern die echte Welt wenn auch leicht abstrahiert ins Gesicht. Vielleicht war auch das ein Grund warum man Watchmen lange für unverfilmbar hielt, vielleicht dachte man es bestünde kein Interesse an erwachsenen und düsteren Comicgeschichten, was aber spätestens seit dem enormen Erfolg von The Dark Knight als widerlegt gelten dürfte. Dennoch bestand bei dieser Verfilmung immer die Gefahr dass die Studios die Vorlage trivialisieren und zu einem massenmarkttauglichen 90 minütigen Feuerwerk zurechtstutzen würden. Es ist Zack Snyder hoch anzurechnen, dass er dieser Versuchung widerstand und so gut es eben ging dem Comic treu blieb. Wie schon bei 300 transportiert Snyder Passagen der Vorlage 1:1 auf die Leinwand, nimmt sich hier aber auch einige Freiheiten, die allerdings zwingend nötig sind um die komplette Geschichte in den knapp 3 Stunden vollständig zu erzählen.
In Snyders Adaption werden einige Nebenfiguren und Handlungsstränge geopfert oder zumindest stark komprimiert, Laurie Jupiter ist plötzlich (ganz politisch korrekt) Nichtraucherin, einige Dialoge wurden zugunsten eines leinwandtauglicheren Timings angepasst. Am auffälligsten sind jedoch die wenigen, dafür aber sehr expliziten Gewalt- und Actionszenen, die Snyder im Vergleich zur Vorlage noch einmal etwas betont und mit seinem Fetisch, der Super Slow Motion stylisch aufgepeppt hat. Das schadet der Geschichte aber nicht wirklich, weil Snyder dem Grundkonzept treu bleibt und sich in den vielen Details und Zitaten vor Moores Werk verneigt. Das brachte Snyder in der Gunst des Graphic Novel Papstes aber nicht wirklich weiter, der den Gedanken an eine Verfilmung seiner Geschichte immer vehement abgelehnt und sich frühzeitig vom Film distanziert hat. Folglich wird Alan Moore auch in der genialen und atemberaubend fotografierten Titelsequenz nicht erwähnt, die in kunstvoll stilisierten Bildern einen Abriss der Vorgeschichte liefert und untermalt von zeitgenössischen Songs das Setting für die folgende Erzählung vorbereitet. Dabei wäre wohl selbst Alan Moore überrascht gewesen wie gut die eigenwilligen Charaktere auf der Leinwand funktionieren.
Rorschach (Jackie Earle Haley) erscheint wie eine 1:1 Kopie seiner soziopathischen, gewalttätigen aber dennoch irgendwie sympathischen Vorlage. Der Comedian (Jeffrey Dean Morgan) ist genau derselbe fiese Sack wie im Comic, Daniel Dreiberg (Patrick Wilson) aka Night Owl eine ebenso überzeugende Parodie auf Clark Kent als Langweiler, der in seinem Kostüm ordentlich auf die Kacke haut. Selbst Dr. Manhattan (Billy Crudup), das bizarre blau leuchtende Atomwesen, das doch eigentlich nur in einem Comic existieren und funktionieren kann wird dank viel Nullen und Einsen überzeugend auf die Leinwand gebracht und bekommt dabei im Vergleich zur Comicvorlage auch noch ein (drastisches) Upgrade seines Pullermanns spendiert, ein Wunder dass Snyder damit durch die MPAA kam.
Der einzige Charakter, der unter diesen exakt getroffenen Nachahmungen leider etwas abfällt ist Laurie Jupiter. Im Roman eine toughe, kettenrauchende Sympathieträgerin, gibt Malin Akerman im Film eine eher dröge und langweilige Laurie, die zur Randfigur in dieser Männerriege verkommt und ihre Höhepunkte in 2 Sexszenen hat (pun intended).
Die größte Abweichung zum Buch erlaubte sich Zack Snyder dann am Ende der Geschichte, das zwar modifiziert und stark vereinfacht wurde, in seiner pessimistischen Konsequenz dem Original aber nicht nachsteht und im Film wohl auch besser funktioniert als es das epische Ende der Vorlage je gekonnt hätte.
Der eingangs erwähnte Spagat zwischen Originaltreue und Zugänglichkeit für “Neueinsteiger” ist Snyder so ideal gelungen wie es eben geht wenn man ein episches Werk wie Watchman in einer im Kino erträgliche Laufzeit eines Spielfilms unterbringen muss. Der Kollateralschaden besteht jedoch in der enormen Komplexität der Geschehnisse im Film, denen man zwar auch ohne die Lektüre des Buches folgen kann, sich dafür aber über einen für einen Film sehr langen Zeitraum, der einfach länger ist als die durchschnittliche menschliche Aufmerksamkeitsspanne, konzentrieren muss. Wer die Vorlage nicht kennt könnte durchaus verwirrt werden und sich irgendwo zwischen den ganzen Informationen die im Film beiläufig erwähnt werden, für die Geschichte aber tragende Bedeutung haben, verlieren. Von daher war es ein guter Schachzug von Snyder, die Actionszenen wenigstens etwas aufzubohren, um den Zuschauer immer wieder mitzureissen, der bei diesem Film sicher oft kurz vor der Kapitulation steht. Watchmen funktioniert also sicher auch für diejenigen die das Comic nicht gelesen haben. Die “Eingeweihten” dagegen werden mit einer perfekten Hommage belohnt die kaum etwas falsch macht und der Vorlage den ihr gebührenden Tribut zollt. Man merkt dem Film an, dass Snyder ein Fanboy ist, der das Original in- und auswendig kennt und verehrt. Das wird ihm weder einen Oscar noch viel Kritikerlob einbringen, macht ihn aber zum perfekten Regisseur für solche Filme.
Alles in allem ist Watchmen nach The Dark Knight ein weiterer Beweis dafür, dass Comicverfilmungen auch erwachsen und serious sein können. Der Satz “Das Buch war aber besser” wird nach Watchmen zwar nach wie vor seine Gültigkeit behalten, Watchmen ist aber einer der ganz wenigen Fälle in denen ein Film wesentlich mehr Spaß macht wenn man die Vorlage gelesen hat. Und wenn wir gerade beim Vergleich mit dem dunklen Ritter sind stellt sich natürlich die Frage wie sich Watchmen denn nun gegen DEN Comicfilm der letzten Jahre behaupten kann. Insgesamt ist Watchmen vielleicht noch eine Spur düsterer und “echter” als The Dark Knight, letzterer hat aber den Vorteil auf eine von vorneherein für einen Film geschriebene Geschichte aufzubauen und deshalb der bessere Film zu sein, Watchmen dagegen ist in Verbindung mit dem Buch einfach das bessere Erlebnis. Wenn ihr nicht versteht wovon ich gerade rede (ich verstehe es ehrlich gesagt gerade auch nicht wirklich) kann ich nur apellieren: Lest das Buch, es lohnt sich. Auch für Comicmuffel.


Watchmen | Cineasten.de sagte am 08. März 2009 um 03:00
[...] filmabend.info eingetragen von [...]
Paul sagte am 27. März 2009 um 23:06
Ich fand den Film ganz ok.